„Die 10,95 Sekunden sind noch nicht das Ende“

Uli Kunst trainiert seit knapp zwei Jahren mit der Soesterin Gina Lückenkemper (LG Olympia Dortmund). Im Interview spricht der 66-Jährige über die spezielle Arbeit mit der 20-Jährigen, die Gefühle nach dem 10,95-Sekunden-Sprint bei der WM in London und darüber, welche langfristigen Ziele die beiden auf den 200 Metern verfolgen.

Uli Kunst, zehn Koma neun fünf. Wie hört sich das an? Einfach toll. Ziel erreicht für dieses Jahr. Sie sind seit Jahrzehnten im Geschäft. Haben Sie damit gerechnet, dass Sie einmal eine Sprinterin trainieren werden, die über 100 Meter unter den magischen elf Sekunden bleibt?
Das wünscht man sich, rechnen kann man damit allerdings nicht. Dafür müsste man in anderen Gefilden arbeiten, beispielweise in den USA. Aber ganz klar: Jeder Trainer möchte mal eine solche Top-Athletin haben. Ihre Top-Athletin ist Gina Lückenkemper, die als erste Deutsche nach 26 Jahren über 100 Meter unter elf Sekunden geblieben ist.

Haben Sie ihr eine 10er-Zeit bei der WM zugetraut?
Ja, ich wusste, dass sie unter elf Sekunden laufen kann. Das haben die Trainingsergebnisse gezeigt. Eigentlich war es ja schon bei den Deutschen Meisterschaften in Erfurt machbar. Da war ich derjenige, der auf die Bremse getreten hat. Ich habe ihr gesagt, dass sie im Vorlauf locker bleiben und nicht voll durchziehen soll. Das hat sie getan und trotzdem sind es 11,01 Sekunden geworden. Es ist schön, wenn sie auf den Trainer hört. Im Finale hatte sie dann den Strauchler am Start. Da hat sie durchgezogen, und es sind immer noch 11,10 Sekunden geworden. Wäre Gina schon in Erfurt unter elf Sekunden geblieben, wäre vor der WM unheimlich viel über sie eingebrochen.

Welche Parameter hatten Sie im Training bzw. welche konkreten Werte messen Sie?
Eigentlich messe ich fast nichts, meine Augen messen. Ich arbeite fast nie mit Lichtschranken oder anderen technischen Apparaturen. Ab und an nehme ich meine Stoppuhr zur Hand. Aber was ich von Gina im Training gesehen habe, da war klar: es passt! Für sie ist das Wichtigste, dass sie gesund und stabil ist. Und das war sie. Deshalb war ich mir ziemlich sicher, dass es mit einer 10er-Zeit funktioniert.

Wie haben Sie die Stunden nach dem 10,95-Sekunden-Lauf bei der WM erlebt?
Entspannt und relaxt. Ich habe gesehen, dass Gina happy war und dann war ich es auch. Allerdings musste ich nach dem Rennen ein, zwei Minuten für mich allein sein, um das Ganze zu verarbeiten. Das passiert nicht oft, weil ich sonst eher eine coole Socke bin. Als Gina dann kam, haben wir uns umarmt und ein paar Tränchen vergossen. Das war der Ausdruck, dass wir uns wie Bolle gefreut haben. Gleichzeitig waren wir stolz aufeinander, dass es funktioniert hat. Klar kamen danach die vielen Anfragen. Als Belastung haben wir das aber beide nicht empfunden. Gina verarbeitet den Trubel positiv. Das gibt ihr Kraft und mentale Stärke.

Wo sehen Sie Ginas Grenzen über 100 Meter?
Eine konkrete Zahl möchte ich nicht nennen. Aber die 10,95 Sekunden sind längst nicht das Ende für sie. Sie ist vor zwei Jahren zu Ihnen gewechselt. Was haben Sie nach den ersten Trainingswochen mit ihr gedacht? Es nicht so einfach, wie es immer aussieht. Sie ist ein sehr spezieller Mensch, eine spezielle Athletin. Generell ist die direkte Zusammenarbeit sehr entspannt, aber auch sehr fordernd. Ich muss immer genau schauen, was ich ihr abverlange, wie ich sie anspreche. Hinter ihrer lockereren Fassade verbirgt sich ein sehr seriös arbeitender Mensch.

Können Sie den Menschen Gina Lückenkemper denn mit drei Attributen beschreiben?
Da muss ich ein wenig überlegen. Aber wahrscheinlich passen konzentriert, mental belastungsfähig, entspannt am besten. Gina ist ein sehr emotionaler und offener Mensch.

Wie gehen Sie mit ihr um, wenn's im Training mal nicht so läuft?
Dann reden wir in Ruhe darüber und beschließen gemeinsam, was wir tun können. Meistens lass ich sie den Vorschlag machen und schaue, ob er umsetzbar ist. Ein anderes Beispiel aus dem Training: Nach dem Staffel-Finale von London trainiert sie fünf Tage lang nicht. Das ist absolut notwendig. Wenn ich sie in dieser Phase belasten würde, würde es nur nach hinten losgehen.

Eigentlich sind ja die 200 Meter Ginas Lieblingsstrecke. Was trauen Sie ihr in den kommenden Jahren auf dieser Distanz zu?
Da ist noch unendlich Potenzial. Mit 10,95 Sekunden über 100 Meter läuft man nicht 22,67 Sekunden über 200 Meter, sondern deutlich schneller. Das wird auch irgendwann passieren, vielleicht sogar schon nächstes Jahr. Generell darf 22,0 nicht die Grenze sein, irgendwann soll da eine 21 vorn stehen. Um bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen eine Medaille zu gewinnen, muss man ein Niveau von unter 22 Sekunden mitbringen. Ob das machbar ist, werden die nächsten zwei, drei Jahre zeigen. Ganz klar ist der Trainingsaufwand für eine solche Zeit ein ganz anderer. Das schafft man nicht nur mit kurzen, schnellen Sprints. Aber wie gesagt: Wir sprechen da über einen längeren Zeitraum.

Nach der WM ist vor der EM: An welchen Schwachstellen werden Sie mit Gina in den kommenden Monaten verstärkt arbeiten?
Es fehlen noch ein paar Puzzleteile im spezifischen Kraft- und Athletikbereich, in Prozenten kann ich das allerdings nicht festmachen. Außerdem trainiert sie ja noch auf Sparflamme. In der Vorbereitung kommt sie auf sechs Einheiten in der Woche mit sehr wohl ausgewählten und dosierten Trainingsreizen. Da bleibt also noch genug Spielraum, um die Umfänge in den nächsten Jahren zu erhöhen. Durch die Steigerung soll sie die Trainings- und Wettkampfbelastung besser verarbeiten. Dass es dort noch Nachholbedarf gibt, haben wir diesen Sommer gesehen. Die Starts gegen starke Konkurrenz in der Diamond League kosten einfach Kraft, Gleiches gilt für die Reisen.

Sie werden im November 67 Jahre alt. Steht der Ruhestand an oder machen Sie weiter?
Klar mache ich weiter. Solange ich das noch leisten kann, mache ich weiter. Gina und ich haben uns das Ziel gesetzt, noch mindestens bis 2020/2021 zusammenzuarbeiten. Momentan sage ich: das geht. Aber natürlich werden wir alle älter. Vielleicht geht's nächstes Jahr schon nicht mehr, schließlich sind wir alle nur Menschen. Die Zeit wird's zeigen.